Ein Schlüssel für bleibende Veränderung

von Carmen Shamsianpur 

„Sollen wir jetzt etwa jüdisch werden?“ – Wer das Thema Israel in seiner Gemeinde anstoßen will, kann schnell mit Skepsis, Ängsten und Widerstand konfrontiert sein.  „Begeben wir uns damit nicht auf einen Nebenschauplatz und laufen Gefahr, Jesus aus den Augen zu verlieren?“ „Wird das Thema zu Spaltung führen?“ Dieser Artikel gibt keine direkten Antworten auf diese Fragen, sondern zeigt einen anderen Zugang auf, durch den sich viele Fragen erübrigen: Die Aufarbeitung. 

Grundlegende Bedeutung von Aufarbeitung 

Aufarbeitung ist die Voraussetzung für eine bessere Zukunft. Das ist eigentlich allgemeiner Konsens. Einige Beispiele aus der Gegenwart: Seit zehn Jahren gibt es die „Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“. Auf ihrer Webseite beschreibt sie eindrücklich, wozu Aufarbeitung dient: „Gesellschaftliche Aufarbeitung macht das Unrecht der Vergangenheit zum Thema der Gegenwart.“ Sie beendet das Schweigen, deckt Taten auf, benennt Folgen für Betroffene, entwickelt Formate des Erinnerns und bildet eine Grundlage für Konsequenzen in der Gegenwart. 

Eine große Diskussion über das Thema Aufarbeitung sehen wir innenpolitisch in Israel. Die israelische Regierung bringt große Teile der Bevölkerung gegen sich auf, weil sie bislang keine unabhängige Untersuchungskommission für das politische, militärische und geheimdienstliche Versagen am 7. Oktober 2023 zugelassen hat. Die schonungslose Aufarbeitung jedoch – auch wenn sie unverzeihliche Fehler ans Licht bringen wird – wird die Grundlage für neues Vertrauen in den Machtapparat und die Wiederherstellung des Sicherheitsgefühls in Israel sein. 

Aufarbeitung ist nicht nur eine Sache für Kommissionen, sondern eine entscheidende Aufgabe für jeden einzelnen Menschen. Im befreiten Iran von morgen werden sich die normalen Leute ihrem eigenen Anteil an der Schuld stellen müssen. Fast jeder Iraner hat in seiner Familie Handlanger des Regimes, so durchdrungen ist die Gesellschaft von der „Islamischen Revolution“. Die Mehrheit der Bevölkerung hasst die Gewaltherrschaft der Regierung. Gleichzeitig nehmen sie in der eigenen Familie Mitglieder der Revolutionsgarden, der Basidsch oder anderer regimetreuer Milizen in Schutz. Das Unrecht wird verschwiegen, geleugnet oder relativiert, sobald es die eigene Familienehre beschmutzt. Dieser Mechanismus verhindert auf Dauer echte Herzensveränderung.  

Nach dem gleichen Muster gab es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg enorme Veränderungen, ohne dass dem Antisemitismus die Wurzel gezogen werden konnte. Im Gegenteil: Er konnte unter einer „Decke des Schweigens“ weiter gären. 

Geschichte von Antijudaismus 

Die Kirche blickt auf eine 2000 Jahre andauernde Geschichte von Verfolgung bis hin zum Massenmord am jüdischen Volk zurück. Mit zahlreichen Bekenntnissen und theologischen Neubewertungen haben verschiedene Denominationen auf das begangene Unrecht reagiert und versucht, sich in ein neues Verhältnis zum jüdischen Volk zu setzen. Diese institutionelle, selbstkritische Auseinandersetzung der Kirchen mit dem eigenen Antisemitismus begann erst im vergangenen Jahrhundert. 

An der Basis ist dieser schleppende Prozess nur teilweise angekommen. Die Ersatztheologie, laut der die christliche Gemeinde als Trägerin der Verheißungen Israel ersetzt, hält sich hartnäckig in den Köpfen. Dazu verbreiten sich in den Gemeinden antisemitische Deutungen des politischen Geschehens in Israel. Erneut muss das Volk Israel feststellen, dass zahlenmäßig das Gros der Christenheit Partei für diejenigen ergreift, die es vernichten wollen – oder dazu schweigt. Die Geschichte des christlichen Antijudaismus ist nicht die Geschichte der „anderen“. Es ist unsere Geschichte. 

Identifizierende Buße 

Israel ist kein Nebenschauplatz, sondern zentral in der Bibel und in Gottes Heilsplan verankert. Die schonungslose Benennung von Antisemitismus in der Kirche, der eigenen Denomination, der eigenen Familie und im eigenen Herzen ist ein Gebot der Stunde und ein Schlüssel für bleibende Veränderung. 

Wie Daniel (Kapitel 9) können wir vor Gott in Identifikation mit unseren Vorfahren Schuld beim Namen nennen und sie als etwas bekennen, das in uns weiterlebt, wenn wir es nicht aufarbeiten und bewusst am Kreuz ablegen. Denn das Schweigen allein bereitet schon den Boden für immer wieder hervorbrechenden Antisemitismus. 

Aufarbeitung und die „Decke des Schweigens“ 

Identifizierende Buße setzt voraus, dass wir die schuldhaften Verstrickungen unserer Familien und Kirchen kennen und uns persönlich davon treffen lassen. Oft liegt die Schuld aber unter einer „Decke des Schweigens“ vergraben. Viele der großen Bußbekenntnisse blieben bei allgemeinen Formulierungen stehen. Manche nannten nicht einmal Juden und Antisemitismus beim Namen. Es liegt in der Verantwortung eines jeden einzelnen, Zeit und Mühe zu investieren und sich den manchmal schockierenden Wahrheiten auszusetzen. 

Seminare über die „Decke des Schweigens“ sowie das gleichnamige Buch von Jobst Bittner haben Tausenden Menschen auf der ganzen Welt bei diesem Prozess geholfen. Die Seminare richten den Fokus auf relevante historische Begebenheiten, erklären geistliche Zusammenhänge und bieten praktische Recherchehilfen sowie persönliche Seelsorge.  

Auswirkungen von Aufarbeitung 

Teilnehmer von solchen Veranstaltungen berichten im Anschluss von tiefgehenden Auswirkungen auf ihr eigenes geistliches Leben und ihre Familien. Ganze Gemeinde erleben neue Freisetzung und Wachstum.  

Die Aufarbeitung von Antisemitismus unter Christen schafft eine neue Grundlage für Beziehung zum jüdischen Volk und zu Israel. Aus der Buße ergibt sich ein veränderter Blick auf Gottes Pläne und sein Herz für Israel. Das Sichtbarwerden des jüdischen Erbes in christlichen Gemeinden ist dann kein mühsamer Akt mehr, sondern ein ganz natürlicher Prozess. 

 

 

https://www.aufarbeitungskommission.de/kommission/aufarbeitung/was-bedeutet-aufarbeitung/ 

Melde dich jetzt zum TOS Trendletter an

Datenschutzerklärung