Zu viel oder zu wenig Israel?
Von Carmen Shamsianpur
Als Israelfreunde haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten oft allein gefühlt, wie einsame Kämpfer auf weiter Flur. Aber es wird immer deutlicher, dass wir Teil eines großen, weltweiten Prozesses sind. Gott selbst rückt sein Volk und Land Israel wieder ins Zentrum von Glaubensleben, Theologie und Gemeinde.
In den vergangenen Jahren ist zu beobachten, dass immer mehr Christen neu entdecken, wie eng ihr Glaube mit Israel verbunden ist. Feste wie Pessach werden neu verstanden, das Alte Testament intensiver gelesen, und Begriffe wie „Messias“ bekommen wieder ihren ursprünglichen Klang zurück.
Für viele ist das eine segensreiche Entdeckung. Andere sind verunsichert: Ist das nur eine Mode? Oder wird hier etwas korrigiert, das lange schiefgelaufen ist? Kann es auch ein „Zu viel“ an Betonung des Alten Testaments und Israel geben?
Verkürzte Theologie
Um besser zu verstehen, was gerade vor sich geht, hilft ein Blick darauf, wie christliche Theologie über Jahrhunderte gewachsen ist. Die Bibel selbst erzählt eine Geschichte. Sie beginnt nicht mit allgemeinen Wahrheiten, sondern mit einer konkreten Berufung: Gott erschafft die Menschheit, erwählt dann Abraham, Isaak und Jakob, formt ein Volk, führt es durch die Geschichte, gibt Verheißungen – und aus diesem Volk kommt schließlich Jesus, der verheißene Messias.
Über die Jahrhunderte hinweg hat die Kirche versucht, diese Botschaft zu ordnen und verständlich zu machen. Daraus entstand das, was man „systematische Theologie“ nennt – also der Versuch, den Glauben übersichtlich zusammenzufassen: Wer ist Gott? Was ist Erlösung? Was ist die Gemeinde?
Das ist grundsätzlich etwas Gutes und Notwendiges. Aber auf dem Weg ist etwas verlorengegangen. In vielen klassischen Darstellungen des Glaubens klingt es ungefähr so: „Der Mensch ist Sünder. Jesus rettet. Wer glaubt, wird gerettet.“
Die ganze Geschichte
Das stimmt, aber es ist nicht die ganze Geschichte. Denn diese Aussage steht eigentlich in einem größeren Zusammenhang: „Gott hat sich ein Volk erwählt, Verheißungen gegeben und einen Bund geschlossen. Jesus ist die Erfüllung genau dieser Geschichte.“Ohne diesen Hintergrund verliert das Evangelium seine Wurzel. Was bleibt, ist genau der Teil des Baumes, den man auf den ersten Blick sieht und der „das Ganze“ zu sein scheint. Dabei ist die Wurzel der zentrale Teil, aus dem der Baum seine Kraft und seinen „Saft“ (Römer 11,17) bezieht. Wenn vom Baum nur noch ein Stumpf übrig wäre, könnte daraus doch wieder neues Leben entstehen (vgl. Jesaja 6,13). Aber was ist ein Baum ohne seine Wurzel?
Die Botschaft wurde also richtig zusammengefasst, aber ihre Wurzeln wurden zu wenig beachtet. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich hier etwas verändert. Viele Bibelleser und Theologen haben neu betont: Die Bibel ist keine Sammlung einzelner Wahrheiten, sondern eine zusammenhängende Geschichte. Darin spielt Israel eine zentrale Rolle als erster Adressat und Träger der Verheißungen und als Kontext, in dem Gottes Handeln sichtbar wird. Diese Wiederentdeckung hat weitreichende Folgen. Denn plötzlich wird klar: Jesus ist nicht einfach ein allgemeiner Retter, sondern hat eine sichtbare und relevante Identität als Messias Israels. Seine Sendung ist ohne diese Geschichte nicht umfassend zu verstehen.
Messias Israels, universaler Retter oder beides?
Dabei zeigt sich, dass sich die Kirche lange in einer Schieflage befand. Oft wurde Jesus so stark universal gedacht, dass seine jüdische Identität keine Rolle mehr spielte. Das Alte Testament wurde – wenn überhaupt – nur in Teilen gelesen und innerlich oft als überholt betrachtet. Heute passiert an manchen Stellen das Gegenteil: Die Faszination für Israel wächst – manchmal so stark, dass der Fokus sich verschiebt. Plötzlich stehen jüdische Wurzeln, Feste oder politische Fragen im Mittelpunkt, während Jesus selbst weniger klar im Zentrum steht.
Die Bibel hält aber beides zusammen: Jesus ist untrennbar mit Israel verbunden und gleichzeitig das Zentrum von allem. Er ist nicht losgelöst von dieser Geschichte, sondern ihre Erfüllung. Manche betrachten die neu aufflammende Israelliebe in christlichen Gemeinden mit dem Vorwurf, man sehe dort vor lauter Israel Jesus nicht mehr, während sie selbst aber Israel nicht sehen. Dabei ist die Lösung, Jesus im Zentrum von allem zu behalten, ihn aber als jüdischen Messias Israels anzuerkennen und zu verkünden. Daraus erwächst, dass die jüdischen Wurzeln im Gemeindeleben immer sichtbarer werden, ohne Jesus zu vernebeln. Im Gegenteil: Es wird deutlicher, wer er ist.
Diese Balance neu zu finden ist mehr als eine theologische Detailfrage. Sie verändert, wie wir die Bibel lesen, unseren Glauben verstehen und die Welt sehen. Wer die Geschichte Gottes mit Israel ernst nimmt, liest die Bibel zusammenhängender und lebendiger. Viele erleben das als große Offenbarung und Bereicherung für ihr Glaubensleben und ihre Beziehung zu Gott und seinem Wort.
Buße als erster Schritt
Zentral dabei ist, den Umgang der Kirche mit Israel als eine Schuldgeschichte zu begreifen, denn Buße ist die Grundlage für tragfähige Herzensveränderung und Versöhnung. Die theologische Auseinandersetzung mit dem Holocaust hat zu Schuldbekenntnissen und Bußbewegungen geführt. Diese bleiben bis heute oft bei einem „Wir haben nicht genug Widerstand geleistet“ stehen, ohne konkrete und aktive kirchliche Schuld an der Judenverfolgung zu benennen. Außerdem war der christliche Antijudaismus zur Zeit des Nationalsozialismus bereits zweitausend Jahre alt. Es geht also um ein sehr grundlegendes theologisches Umdenken und um schonungslose Aufarbeitung.
Gleichzeitig ist die aktuelle Entwicklung kein völlig neuer Trend, sondern eher ein Wiederentdecken von dem, was schon immer da war. Die Herausforderung besteht darin, nicht von einem Extrem ins andere zu fallen. Am Ende geht es nicht darum, ob Israel mehr oder weniger Raum bekommt, sondern darum, dass Gott selbst mehr Raum bekommt. Die tiefe Offenbarung des Heiligen Geistes über Gottes Liebe und Treue zu seinem auserwählten Volk ist das, womit Gott in dieser Zeit seine Gemeinde ausrüsten und vorbereiten will. Israel wird eine zentrale Rolle in bevorstehenden Erweckungen spielen.
