Von Stefan Haas
Apg. 2,42
Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten.
Was für eine schöne, historische Beschreibung des Lebensstils der Urgemeinde, oder?! Wer diesen Satz so liest, der übersieht das eigentlich Revolutionäre daran. Es ist nämlich keine historische Beschreibung. Es ist ein Programm! Es ist die erste Aussage über einen grundlegenden Lebensstil der Gemeinde Jesu – von Gott selbst, dem Erfinder und Architekten seiner Gemeinde. Theologisch ausgedrückt würde man sagen: Wir haben hier den ersten ekklesiologischen Entwurf der Kirchengeschichte – und zwar vom Herrn selbst und tatsächlich gleich im selben Kapitel, in dem von der Geburt der Gemeinde Jesu an Pfingsten die Rede ist. Wie bei jedem Hausbau beginnt auch der Herr hier mit den Fundamenten.
Wie komme ich auf diese Idee? Man kann von diesen vier genannten Säulen des Gemeindelebens mühelos Linien in die Briefe des Neuen Testamentes ziehen und erkennt: Was hier steht, ist nicht nur eine historische Betrachtung. Es wird in den Briefen des Neuen Testaments verallgemeinert als gültige Basics für die Gemeinde Jesu aller Zeiten.
Schauen wir uns die erste genannte Säule an: „Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel…“ (Apg. 2,42). Im griechischen Urtext steht hier ein Verb, das ein sehr aktives, unermüdliches Dranbleiben an etwas beschreibt – aus eigenem Antriebi. Und dann folgt ein entscheidendes Wort, das wir in seiner Bedeutung unterschätzen: Apostel! Wir denken dabei intuitiv: Es ist klar, dass hier „Apostel“ steht. Sie waren ja damals die ersten Leiter der Gemeinde. Wenn man es überträgt auf heute, dann sind damit also Gemeindeleitungen oder Pastoren gemeint.
Wenn wir das so denken, dann haben wir das Entscheidende und Revolutionäre an dieser Aussage überlesen und völlig entkräftet. Es gibt etwas an dieser Aussage, das wir aus unserer 2.000-jährigen Prägung der Kirchengeschichte heraus heute kaum mehr denken können: Es ist keine historische Betrachtung, die wir erst übertragen müssen. Es ist ein Programm Gottes für seine Gemeinde! Überlesen wir das und fangen an, Gemeinde Jesu anders zu leben, dann sind wir bereits bei der ersten Weiche falsch abgebogen. Und genau das passierte bereits in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte.
Schauen wir in die Briefe des Neuen Testaments:
Eph. 4,11-12a
11 Und Er hat etliche als Apostel gegeben, etliche als Propheten, etliche als Evangelisten, etliche als Hirten und Lehrer, 12 zur Zurüstung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, (…)
Der Herr hat fünf spezielle Berufungen, Salbungen, Dienste oder auch „Ämter“ für seine Gemeinde eingesetzt: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrerii:
Apostel sind diejenigen, die im Reich Gottes vorangehen und alle anderen Salbungen in sich vereinen. Sie haben von allen etwas, oft aber nicht so stark wie die ausgesprochenen Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Sie spüren prophetisch, in welche Richtung der Herr die Gemeinde führen möchte – und bewegen sich dabei immer wieder in Neuland. Sie hören vom Herrn die Richtung, schlagen Schneisen, bahnen den Weg und schlagen Pflöcke ein, damit die anderen Salbungen folgen können. Ein wesentliches Kennzeichen für echte Apostel ist dabei: Sie gründen Neues, wo vorher nichts war. Entweder bringen sie neue Dienste, neue Bewegungen, neue Gemeinden hervor – oder sie leiten in neue, prophetische Schwerpunkte inhaltlicher Ausrichtung. Paulus beschreibt seinen ausgesprochen apostolischen Dienst im Römerbrief mit den Worten:
Röm. 15,18-20.23-24
18 Denn ich würde nicht wagen, von irgendetwas zu reden, das nicht Christus durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk, 19 in der Kraft von Zeichen und Wundern, in der Kraft des Geistes Gottes, sodass ich von Jerusalem an und ringsumher bis nach Illyrien das Evangelium von Christus völlig verkündigt habe. 20 Dabei mache ich es mir zur Ehre, das Evangelium nicht dort zu verkündigen, wo der Name des Christus schon bekannt ist, damit ich nicht auf den Grund eines anderen baue, (…)
Und weiter schreibt er:
23 Da ich jetzt aber in diesen Gegenden keinen Raum mehr habe, wohl aber seit vielen Jahren ein Verlangen hege, zu euch zu kommen, 24 so will ich auf der Reise nach Spanien zu euch kommen; (…)
Als Paulus in diesen Gebieten, in denen es vorher keine Christen gab, lebendige Gemeinden gegründet hatte, da empfand der Apostel: Ich habe jetzt in diesen Gegenden „keinen Raum“ für meine Salbung und Berufung mehr. Ich muss in Neuland aufbrechen – nach Spanien! Das ist das Empfinden eines echten Apostels.
Propheten sind Menschen mit einer speziellen Salbung für die unsichtbare Welt: Gebet, Anbetung und Prophetie sind ihre Schwerpunkte. Ist es nicht interessant, dass sie in der Reihenfolge an zweiter Stelle folgen?! Sie folgen den Aposteln als erste in Neuland, nehmen es zuerst in der geistlichen Welt ein und bereiten damit den Boden für Durchbrüche in der sichtbaren Welt vor.
Evangelisten tauchen in der Reihenfolge an dritter Stelle auf. Ihre Salbung kann sich dann erst wirklich entfalten, wenn die Apostel an einem neuen Ort bereits geistlich einen Pflock eingeschlagen haben und die Propheten mit ihrer Salbung für Gebet, Anbetung und Prophetie in der geistlichen Welt den Boden für Evangelisation vorbereitet haben.
Hirten und Lehrer sind dann diejenigen, die mit dem Dienst von Aposteln, Propheten und Evangelisten zusammenarbeiten, ihnen bei einer Gemeindegründung folgen und nun mit ihrer Salbung Neubekehrte zur Gemeinde sammeln und sie lehren.
Wir finden dieselbe Reihenfolge auch im 1. Korintherbrief, und dort deutlich verschärft:
1. Kor. 12,28
Und Gott hat in der Gemeinde etliche eingesetzt, erstens als Apostel, zweitens als Propheten, drittens als Lehrer; sodann Wunderkräfte, dann Gnadengaben der Heilungen, der Hilfeleistung, der Leitung, verschiedene Sprachen.
Von dem „fünffachen Dienst“ kommen hier nur drei vor: Apostel, Propheten und Lehrer. Diese Dienste werden deutlich betont, indem sie auf Personen bezogen werden: Es sind Menschen, die Gott in seiner Gemeinde als Apostel, Propheten und Lehrer einsetzt. Im Unterschied dazu werden die anschließend genannten Gnadengaben unpersönlich als Salbungen aufgezählt, die der Herr in seiner Gemeinde gibt.
Warum kommen nur drei vor – Apostel, Propheten und Lehrer? Apostel haben in ihrer gründenden Salbung auch viel vom Evangelisten enthalten. Das sehen wir deutlich am apostolischen Dienst des Paulus. Und die „Hirten“ und die „Lehrer“ sind aus meiner Sicht eins: Echte Lehrer lehren die Gemeinde Jesu deswegen sehr gesalbt, weil sie auch gleichzeitig Hirten sind und sich um die Schafe kümmern – und nicht nur mit der „reinen Lehre“ aus einem weltfremden Elfenbeinturm heraus beschäftigt sind.
Auffällig ist hier nun: Wir haben nicht nur dieselbe Reihenfolge in Eph. 4,11 und 1. Kor. 12,28 – wir haben im Korintherbrief auch eine wirklich ausdrückliche Rangfolge: „erstens als Apostel, zweitens als Propheten, drittens als Lehrer“.
Das bedeutet: Hier wird es für die Gemeinde Jesu aller Zeiten ausgesprochen, dass von den ausgesprochenen gemeindeleitenden Salbungen immer zuerst die apostolische Salbung kommen muss. So ist es Gottes Vorstellung. Und genau das wurde schon in dem zunächst so unscheinbaren Satz in Apg. 2,42 ausgesprochen: „Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel…“
Was passierte im Laufe der Kirchengeschichte? Von den ursprünglichen Salbungen und Diensten in der Reihenfolge Apostel – Propheten – Evangelisten – Hirten und Lehrer verkümmerten bereits in den ersten Jahrhunderten die ersten drei. Man maß ihnen keine wirkliche Bedeutung mehr bei. Das römische Reich war im 4. Jahrhundert zu einem christlichen römischen Reich geworden. Der christliche Glaube war Staatsreligion. Kirche wurde zu einer Aufgabe der Hirten und Lehrer. So ist es weithin bis heute geblieben. Diese Weichenstellung der ersten Jahrhunderte prägt die Kirche Jesu bis heute entscheidend.
Was bedeutet das? Kirche wurde zu einer Betreuungs-Kirche, in der es weitgehend darum geht, dass es den Schafen gut geht. Hirten und Lehrer nahmen immer mehr entscheidende kirchenleitende Funktionen ein. Und der Fokus von Hirten und Lehrern ist ganz natürlich (ihrer Salbung und Berufung entsprechend) auf den Schafen. Apostolische, prophetische oder evangelistische Salbung wurde aus der Priorität und damit überhaupt aus dem Fokus gerückt – und oft genug an den Rand oder aus der Kirche hinausgedrängt.
Das wirkt bis heute. So treffen sich in vielen Städten und Regionen Beter, Anbeter und Propheten oftmals übergemeindlich in Gebetshäusern und ebenso treffen sich Evangelisten übergemeindlich in evangelistischen Diensten – weil sie häufig in ihren Gemeinden kaum Gleichgesinnte finden und oft wenig Unterstützung von ihren Gemeindeleitungen erleben.
Weitgehend ohne apostolische, prophetische und evangelistische Salbung ist Gemeinde Jesu aber wie amputiert. Der von der ursprünglichen Idee Gottes übrigbleibende Rest ist für viele Menschen unglaublich langweilig! Es ist nicht sonderlich erstaunlich, dass eine fast ausschließlich von Hirten und Lehrern geleitete Kirche nicht attraktiv ist. In einer solchen Kirche geschieht selten etwas wirklich Neues. Hirten und Lehrer haben nämlich oft eher eine bewahrende Tendenz. Wirklich Neues käme dann in Existenz, wenn die apostolische Salbung die Gemeinde Jesu leiten dürfte! Das wäre zwar unbequem, weil die apostolische Salbung tatsächlich immer wieder in Neues hineindrängt. Aber es gäbe immer wieder göttliche Leitung in Neues hinein! Die Aufgabe der Gemeinde Jesu besteht eben nicht darin, ein möglichst bequemes, schönes und breit gefächertes Betreuungsangebot für langjährige Gemeindemitglieder zu bieten.
Wenn die apostolische, prophetische und evangelistische Salbung in dieser Reihenfolge die Gemeinde Jesu neu leiten dürfen, dann wird es unbequem. Das wird bedeuten, dass die apostolische Salbung ständig zu neuem Aufbruch in Neuland rufen wird. Das wird bedeuten, dass die prophetische Salbung die Gemeinde Jesu ständig in neue Dimensionen der Gegenwart Gottes und der unsichtbaren Welt in Fasten, Gebet und Anbetung rufen wird. Und es wird bedeuten, dass die evangelistische Salbung die Gemeinde Jesu ständig neu zu den Verlorenen rufen wird – auf die Straßen und Marktplätze und an verlorene Orte.
Welche Erweckungen werden der Gemeinde Jesu unmittelbar bevorstehen, wenn wir diese Worte neu entdecken und unsere Gemeinden und Kirchen nach der Vorstellung Jesu bauen – und uns von falschen Prägungen der Kirchengeschichte verabschieden?
1. Kor. 12,28
Und Gott hat in der Gemeinde etliche eingesetzt, erstens als Apostel, zweitens als Propheten, drittens als Lehrer; (…)
Wie wäre es, wir würden den klaren Ansagen des Erfinders und Architekten der Gemeinde Jesu folgen und unsere Gemeinden und Kirchen neu nach ihnen ausrichten – und wir würden daher die von Gott eingesetzten fünf Salbungen in dieser Reihenfolge seine Gemeinde leiten lassen?
Apg. 2,42
Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel (…)
Auch das Wort „Lehre“ enthält hier noch Überraschungen. Damit beschäftigen wir uns im nächsten Newsletter – und anschließend mit den drei weiteren Säulen der Urgemeinde in Apg. 2,42.
