Schafe ohne Hirten

von Carmen Shamsianpur

„Wir haben gerade keinen Pastor.“ Wie oft höre ich diesen Satz in Gemeinden. Bei manchen ist das ein jahrelanger Zustand. Von anderen höre ich: „Wir haben gerade einen Pastor, der…“ – zum Beispiel sehr offen ist für das Thema Israel. Das ist dann schön und muss ausgenutzt werden, denn keiner weiß, wie es beim nächsten Pastor aussehen wird. Was steht hinter dieser Entwicklung und was ist die biblische Lösung?

Die ersten Monate nach meiner Bekehrung und vor meinem Umzug nach Tübingen 2003 verbrachte ich in einer Mennonitengemeinde. Jetzt bin ich seit 23 Jahren in der TOS Gemeinde Tübingen. In beiden Gemeinden wäre das Modell undenkbar, dass man vier bis sechs Jahre einen Pastor hat und danach von irgendwoher einen anderen bekommt. Aber in zahllosen Landes- und Freikirchen ist das „Rotationssystem“ die Regel.

Der gute Hirte und der Mietling

In Johannes 10 beschreibt Jesus einen guten Hirten und seine Beziehung zu den Schafen. Der Hirte kennt seine Schafe mit Namen und geht vor ihnen her. Sie gehören fest zu ihm, er kümmert sich um sie und ist bereit, sein Leben für sie zu geben. Im Gegensatz dazu gibt es den „Fremden“ oder den „Mietling“, dem die Schafe nicht folgen, weil sie ihn nicht kennen, und für den die Herde nur ein austauschbarer Job ist.

Der gute Hirte ist Jesus selbst, aber gleichzeitig ist es ein Modell für Pastoren, denen Jesus seine Herde anvertraut. „Weide meine Schafe“, sagt er zu Petrus, bevor er diese Welt verlässt. Das Wort, das die deutschsprachige Bibel im Kontext von Gemeindeleitung mit „Pastor“ übersetzt, ist genau das gleiche, das sie mit „Hirte“ wiedergibt. Ein bibelkundiger Leser des Originaltextes im ersten Jahrhundert dachte beim griechischen Wort „Poimen“ nicht an angestellte Gemeindeleiter, Prediger, Theologen oder Berufspastoren, sondern an Hirten und an Jesus im Johannesevangelium.

Institutionalisierung des Leibes Jesu

Die Bibel kennt keinen angestellten Pastor auf Zeit, der irgendwann wieder versetzt wird. Sie kennt neben den Pastoren selbst nur das pionierhafte Apostelamt – Menschen, die Gemeinden und Dienste gründen und dann Pastoren und Leiter einsetzen. Das Rotationssystem entwickelte sich schrittweise im Zuge der Institutionalisierung der Kirche.

Ein entscheidender Beschleuniger war die Konstantinische Wende, als das Christentum zur Staatsreligion wurde. Bereits im frühen Mittelalter entsteht das klassische Pfarrsystem mit der Möglichkeit von Versetzung. Systematische Rotationssysteme mit geplanten Wechseln nach einer bestimmten Zeit entstanden erst in der Neuzeit, und zwar nicht überall, sondern vor allem im deutschsprachigen Raum.

Verwirrte Schafe

Was würde passieren mit einer Schafherde, die alle paar Monate oder jährlich einen neuen Hirten vorgesetzt bekäme? Denn so wäre der Rhythmus umgerechnet auf ein Schafleben von ungefähr 10 bis 12 Jahren. Eine stabile Hirtenbeziehung wäre für die Herde nicht mehr möglich. Sie kann Hirtenwechsel verkraften und sich umgewöhnen, aber nicht permanent. Die Herde würde nie mehr tiefes Vertrauen aufbauen und keine langfristige Prägung entwickeln. Die Schafe würden lernen, sich weniger am Hirten zu orientieren, weil dieser ohnehin bald wieder verschwindet. Die eigentliche Herdenkultur würde dann durch die älteren Tiere, Zäune und Hunde entstehen. Aber wenn Schafe auf die Anweisungen des Hirten nicht reagieren, geht ein entscheidender Schutz verloren.

Diese Tendenz finden wir heute in vielen Gemeinden. Nicht der Pastor gibt eine Richtung vor, sondern sie entsteht durch Institution, Liturgie und Tradition. Oft arbeitet der Pastor nicht einmal seine Sonntagspredigt selbst aus, sondern verliest einen vorgegebenen Text. Die Folge ist eine andere Art von Stabilität, die nur schwerfällig auf neue Entwicklungen reagieren kann – sei es Pastorenmangel und Mitgliederschwund oder neue Anforderungen an Lehre und Theologie wie beim Thema Israel.

Vater oder Verwalter?

Gemeinde wird von einem Gründer/Apostel geprägt, dann von langfristigen Hirten und Ältesten stabil weitergeführt – dieses Modell findet sich im Neuen Testament und war in vielen Erweckungs- und Missionsbewegungen prägend. Die verwendete Sprache ist familiär und väterlich. Paulus spricht von „meinen Kindern“, „die ich gezeugt habe im Evangelium“. Da geht es mehr um Beziehung als um Verwaltung. Ein Pastor – ein Hirte – empfindet für seine Gemeinde wie für seine Kinder. Er gibt ihnen Richtung und Vision, auf die die Gemeinde geschlossen zugeht.

Vielen hingegebenen Pfarrern tue ich Unrecht, wenn ich sie als „Mietlinge“ bezeichne. Denn Jesus bezieht das nicht zuerst auf die Dauer eines Dienstes, sondern auf jemanden, der bei Gefahr die Herde verlässt. Dennoch kann ein befristet eingesetzter Pfarrer nicht so tief investieren wie ein „Vater“, weil ihm die langfristige Perspektive fehlt. Wenn er kommt, muss er erst einmal die Schafe kennenlernen. Eine blökende Herde wartet auf Futter, muss aber noch an die neue Art der Versorgung gewöhnt werden. Die einen finden es gleich ganz toll, während andere ihren vorherigen Hirten oder den davor viel besser fanden und zunächst die Nahrungsaufnahme verweigern. Hat der Pastor auf Zeit sich jahrelang die Mühe gemacht, zu allen seinen Schafen eine tragfähige Beziehung aufzubauen, muss er auch schon wieder weiterziehen. Die Trennung wird für die Herde schmerzhafter, je besser der Pastor war.

Sinn (und Unsinn) der Rotation

Warum wurde das Rotationssystem dennoch etabliert? Zentral geführten Kirchen sollte es helfen, Einheit zu sichern, extreme Abweichungen zu verhindern und geistlichem Missbrauch vorzubeugen. Ein zentrales System kann außerdem Pastoren dorthin schicken, wo sonst niemand hingehen würde.

Die Frage ist, ob diese Vorteile wirklich Vorteile sind, und wenn ja, ob sie die Nachteile überwiegen. Gerät eine Gemeinde an einen Pastor, der seine Macht missbraucht (oder Schaden anrichtet, weil er einfach nur gähnend langweilig ist), ist dieser Einfluss zeitlich begrenzt. Danach muss ein neuer, hoffentlich besserer Pastor die Scherben zusammenkehren, während der andere der nächsten Gemeinde schadet. Es ist schwer messbar, ob die Rotation Missbrauch verringern konnte, aber es ist sichtbar, dass auch in der Neuzeit ein Kirchenskandal den anderen jagt.

Sind Langzeitpastoren gefährlich?

Die Bibel kennt neben dem Mietling auch schlechte Langzeithirten. Eine schonungslose Beschreibung findet sich in Hesekiel 34. Diese Hirten wirtschaften in die eigene Tasche, stärken nicht die Schwachen, heilen nicht die Kranken, suchen nicht die Verlorenen und setzen Härte an die Stelle von Liebe und Beziehung. Sie nehmen ihre von Gott gegebene Verantwortung nicht wahr und verfallen dem Gericht. Gott sagt daraufhin, er will sich „seiner Herde selbst annehmen“ und seinen „Knecht David“ über sie einsetzen. Gleichzeitig ist das Pastorenamt damit nicht abgeschafft, sondern wird im Neuen Testament ausdrücklich als wichtiges Amt in der Gemeinde bestätigt.

Deswegen ist die eigentliche Frage in Bezug auf Machtmissbrauch nicht, wie lange ein Pastor bleibt, sondern vielmehr: Ist der Pastor ein Vorbild? Geht er mit Gebet, Glaube und Vision voran? Gibt es Rechenschaft, Transparenz und Korrekturmöglichkeiten? Werden neue Leiter ausgebildet, die die Gemeinde mittragen und beizeiten in einem natürlichen Prozess übernehmen können? Ist die Gemeinde auf Jesus, sein Wort, Wachstum und Evangelisation ausgerichtet oder auf Personen?

Und nun?

Damit dieses biblische Modell funktioniert, braucht es nicht nur einen hingegebenen Pastor, sondern auch eine Herde, die bereit ist zu folgen. Wenn jedes Schaf ein Hirte sein will, funktioniert es nicht. Eine von Gott bestätigte und von der Gemeinde akzeptierte Autorität bedeutet Schutz und Orientierung, nicht „Vorsicht, Machtmissbrauch!“. Leiten und Vertrauen will beides gelernt sein.

Und nun bist du in einer Gemeinde ohne Pastor oder mit ständig wechselnden Pastoren. Was tun? Ein Gemeindewechsel ist nur dann eine Lösung, wenn deine Gemeinde nicht länger besteht oder Gott dich in eine andere Gemeinde beruft. Gemeinde ist heilig, auch wenn sie unvollkommen ist. Sie ist ein Ort, zu dem du verbindlich gehörst und dich einbringst. Veränderung fängt in dir selbst an und im Gebet. Die wenigsten Reformen der Kirchengeschichte begannen in Kirchenleitungen. Paulus schrieb seine Briefe nicht an Menschen in perfekten Gemeinden, sondern ganz im Gegenteil.

Die Frage an dich als Schaf ist nicht, was mit dem System und den Pastoren nicht stimmt. Wer sich nach langfristiger Hirtenverantwortung sehnt, sollte zu zwei Dingen bereit sein: sich langfristig unterzuordnen und selbst Verantwortung zu übernehmen. Viele Christen wünschen sich einen Hirten wie in Johannes 10, möchten aber gleichzeitig ihre völlige Unabhängigkeit behalten. Der beste Hirte kann keine Herde führen, die grundsätzlich nicht geführt werden will.

Wir sind Teil eines erstaunlichen, segensvollen Umbruchs in dieser Zeit. Uralte Theologien stehen auf dem Prüfstand. „Zurück zur jüdischen Wurzel“ und „zurück zur Urgemeinde“ wird auch bedeuten: Zurück zu einem biblischen Verständnis von Leiterschaft und Hirtenamt, zum Vertrauen in dienende Autorität und zur Bereitschaft, ein Schaf zu sein.

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