Nach dem militärisch erfolgreichen Angriff Israels und der Vereinigten Staaten auf den Iran und angesichts der Iraner, die auf europäischen Straßen tanzend den möglichen Sturz des Mullah-Regimes feiern, wirkt die Frage tatsächlich seltsam: Ist Donald Trump ein Segen für Israel?
Offenbar scheint der amerikanische Präsident mit militärischer Härte etwas erreicht zu haben, worin jahrzehntelange diplomatische Bemühungen kaum Fortschritte erzielt haben. Noch vor wenigen Jahren hätte wohl kaum jemand angenommen, dass die Existenz Israels einmal so deutlich mit der politischen Haltung eines US-Präsidenten verknüpft erscheinen könnte. Doch trifft diese Wahrnehmung tatsächlich zu?
Gerade unter Christen gehen die Einschätzungen auseinander. Für die einen ist Trump als ausgesprochener Freund Israels beinahe eine Art heilsgeschichtliches Werkzeug. Für die anderen verkörpert er einen moralisch fragwürdigen Narzissten, der vor allem sein eigenes historisches Vermächtnis sichern und sich selbst einen Platz unter den Großen der Geschichte verschaffen möchte. Gibt es eine biblische Perspektive, die in dieser Spannung Orientierung geben kann?
Der beste Freund Israels
Nach der Freilassung lebender israelischer Geiseln aus der Gewalt der Hamas würdigte Netanjahu im israelischen Parlament den damaligen US-Präsidenten als den besten Freund, den Israel je gehabt habe. Kein amerikanischer Präsident, so sagte er, habe mehr für Israel getan. Tatsächlich lässt sich kaum bestreiten, dass die politische Unterstützung aus Washington die Dynamik im Nahen Osten spürbar beeinflusst hat.
Mit amerikanischer Initiative entstanden die sogenannten Abraham-Abkommen, die zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten führten. Im Jahr 2018 wurde zudem die US-Botschaft nach Jerusalem verlegt – ein symbolisch wie politisch bedeutender Schritt. Israels militärisches Vorgehen gegen die Hisbollahsowie gegen die Hamas im Gazastreifen wurde in erheblichem Maß von amerikanischer Rückendeckung begleitet. Israels Militärschläge gegen den Iran haben das Mullah-Regime deutlich geschwächt. Ohne die militärische Unterstützung des US-Präsidenten Donald Trump wären diese Operationen kaum möglich gewesen. Wer mit Freunden in Israel spricht, merkt schnell, wie groß die Dankbarkeit für seine Hilfe ist. Donald Trumps politische und militärische Erfolge sind trotz aller offenen Fragen real und sollten anerkannt werden.
Neben der politischen Bewertung steht jedoch auch eine biblisch-theologische Dimension, die leicht aus dem Blick geraten kann. Um sie zu verstehen, ist es hilfreich, zwischen den Begriffen „Erfolg“ und „Segen“ zu unterscheiden.
Der Unterschied zwischen „Erfolg“ und „Segen“
Es besteht kein Zweifel, dass es Berührungspunkte zwischen den Begriffen „Erfolg“ und „Segen“ gibt. Erfolg kann durchaus ein sichtbares Zeichen von Segen sein – doch er ist es nicht notwendigerweise. Die Heilige Schrift kennt auch einen Segen, der sich jenseits äußerer Messbarkeit bewegt und nicht an materiellen Maßstäben festmachen lässt. Gerade unter Christen geschieht es jedoch leicht, dass äußerer Erfolg vorschnell mit Gottes Segen gleichgesetzt wird.
Wenn wir heute von Erfolg sprechen, denken wir meist unabhängig von der Beziehung zu Gott und primär horizontal, also innerhalb menschlicher Kategorien. Erfolg erscheint als messbares Resultat unserer Planung, unserer Leistung und unserer Anstrengung. Wer ein gesetztes Ziel erreicht, gilt als erfolgreich. Einen solchen autonomen Erfolgsbegriff kennt die Bibel jedoch nicht.
Im Tanach begegnen uns unter anderem die hebräischen Ausdrücke צָלַח (ṣālaḥ) – „gelingen“, „vorankommen“ – sowie שָׂכַל (śākal) – „verständig handeln“ und dadurch „Gelingen haben“. Beide Begriffe machen deutlich, dass Erfolg nicht autonom verstanden wird, sondern davon abhängt, ob Gott Gelingen schenkt.
Ein klassisches Beispiel findet sich in der Josephsgeschichte:
„Und der HERR war mit Josef, sodass ihm alles gelang (maṣliaḥ)“ (vgl. 1. Mose 39,2–3).
Auch das Neue Testament kennt kein eignes Wort für „Erfolg“. Es verwendet jedoch mehrere Ausdrücke, die unserem heutigen Verständnis nahekommen. Dazu gehört εὐοδόω (euodoō), wörtlich „einen guten Weg haben“ oder „auf einem guten Weg geführt werden“. Dieses Wort erscheint häufig im Zusammenhang mit „Wohlergehen“ und „Gedeihen“.
Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Dingen wohl gehe (euodousthai) und du gesund seist, so wie es deiner Seele wohl geht (3. Joh 2,2).
Ein weiteres Wort ist προκόπτω (prokoptō) – „Fortschritte machen“, „vorankommen“. Paulus schreibt den Philippern, dass gerade seine schwierigen Lebensumstände letztlich zur Förderung der Verkündigung des Evangeliums beigetragen haben (Phil 1,12).
Im Neuen Testament wird das, was wir heute oft „Erfolg“ nennen, häufig mit dem Begriff καρποφορέω (karpophoreō) beschrieben – „Frucht bringen“ (vgl. Kolosser 1,6). Dabei bleibt jedoch klar: Es ist letztlich Gott selbst, der Frucht hervorbringt.
Diese kurze Wortbetrachtung macht deutlich, dass unser modernes Verständnis von „Erfolg“ keine unmittelbare biblische Entsprechung hat. Die Bibel verbindet jede Form des Gelingens mit der Beziehung zu Gott. Erfolg kann ein Ausdruck von Segen sein – doch er ist nicht automatisch mit ihm gleichzusetzen.
Die Schrift selbst nennt mehrere Beispiele dafür:
- Der außerordentliche Reichtum Salomos bewahrte ihn nicht vor geistlichem Abfall und göttlichem Gericht (1. Könige 10–11).
- Die militärische Stärke Usijas führte zu Hochmut und schließlich zu Aussatz und Gericht (2. Chronik 26,15ff.).
- Der reiche Kornbauer war wirtschaftlich erfolgreich, aber nicht gesegnet (Lukas 12,16-21).
Gewiss können Reichtum und militärische Stärke Zeichen des göttlichen Segens sein (vgl. 5. Mose 28). Doch sie sind es nicht grundsätzlich. Sobald der Mensch sich innerlich von Gott löst und auf seine eigene Kraft vertraut, gerät er in eine gefährliche Selbstständigkeit und setzt sich dem Gericht Gottes aus.
Davor warnt der Prophet Jeremia das Volk Israel eindringlich:
So spricht der HERR: Verflucht ist der Mann, der auf Menschen vertraut und Fleisch zu seinem Arm macht, und dessen Herz vom HERRN weicht! Er ist wie ein kahler Strauch in der Wüste, der vergeblich auf Regen wartet (Jer 17,5f.).
Gottes Segen hingegen ist von anderer Qualität. Das hebräische Wort für Segen lautet בְּרָכָה (berākhāh). Die zugrunde liegende Wurzel ברך (brk) ist etymologisch mit dem Bild des „Kniens“ verbunden. Wer seine Knie vor dem lebendigen Gott beugt und sich ihm demütig zuwendet, der öffnet den Himmel und empfängt aus seiner Hand überfließenden Segen!
Diese Dimension wird besonders deutlich in der Bundeszusage an Abraham sowie in der klassischen Segensformel Israels, dem Aaronitischen Segen:
„Und ich will dich zu einem großen Volk machen und dich segnen und deinen Namen groß machen; und du sollst ein Segen sein“ (1. Mose 12,2).
„Der HERR segne dich und behüte dich.“ (4. Mose 6,24).
Erfolg kann also ein Ausdruck von Segen sein, doch er ist nicht mit ihm identisch. Im biblischen Verständnis besteht der eigentliche Erfolg darin, Gottes Wege zu gehen und seine Wege zu verwirklichen.
Im nächsten Teil werden wir diese kurze biblische Betrachtung auf Israel anwenden. Wenn wirtschaftliche Stärke und militärische Erfolge nicht zwangsläufig Ausdruck göttlichen Segens sind, woran lässt sich dieser dann erkennen? Gibt es von Gott vorgezeichnete Segenslinien, die sich durch die Geschichte Israels ziehen und an denen wir auch die gegenwärtige Entwicklung messen sollten?
