Ein revolutionärer Satz – Teil 2 –

von Stefan Haas

„Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten.“ (Apg. 2,42) 

Was für ein revolutionärer Satz – wenn man genau hinschaut! In den ersten beiden Teilen dieses Artikels haben wir uns bereits mit der ersten der vier Säulen beschäftigt: Der „Lehre der Apostel“. Was bedeutet nun die „Gemeinschaft“? Wir denken dabei intuitiv an Kaffeetrinken oder gemeinsames Grillen. Vielleicht haben wir dabei auch innerlich einen Spieleabend oder einen Ausflug vor Augen. Gemeinschaft klingt in unserem Sprachgebrauch nach entspannter Freizeitbeschäftigung und netten Begegnungen – spontan, attraktiv, aber eher unverbindlich und irgendwie auch nicht wirklich bedeutsam. Warum erscheint dieses Wort als zweite, wichtige Säule des Gemeindelebens in einem so zentralen Satz, der ein ganzes ekklesiologisches Programm ist? 

Das griechische Wort lautet κοινωνία (Koinonia). Die Wortwurzel der ganzen Wortfamilie liegt in dem Adjektiv κοινός (koinos): „gemeinsam, gemeinschaftlich, allen zugehörig“. Die Kernbedeutung liegt im Unterschied zum Deutschen in der Wirtschaft: Ein κοινωνός (Koinonos) ist ein „Teilhaber“ oder „Genosse“ an einer gemeinsamen Firma oder einem Vermögen. Mit ihm teilt man sich rechtlich oder wirtschaftlich sehr verbindlich Anteile an z.B. einem Unternehmen oder einer Erbengemeinschaft. In einem erweiterten Sinn kann der κοινωνός (koinonos) dann auch ein Freund sein. Der Schwerpunkt liegt also in der ganzen Wortfamilie nicht wie im Deutschen auf Freizeitbeschäftigung, Gefühl oder netter Begegnung. Es geht darum, Teilhaber von etwas zu sein oder anderen Teilhabe und Anteil an etwas zu geben – und zwar in einem sehr verbindlich-rechtlichen und wirtschaftlichen Sinn.  

In diesem ganz typisch griechischen Sprachgebrauch lesen wir in Lk. 5,10  

… gleicherweise auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die Simons Teilhaber (Koinonos) waren. 

Simon hatte also zusammen mit Jakobus und Johannes ein oder mehrere Boote – ein Fischerei-Unternehmen, das ihnen gemeinsam gehörte. Das war sozusagen ihre „Gemeinschaft“ – ihre κοινωνία (Koinonia). Auch eine Ehe wurde im Griechischen als „Koinonia“ bezeichnet: Eine verbindliche Lebens- und Gütergemeinschaft.  

Wie revolutionär der Sprachgebrauch der griechischen Wortfamilie im Neuen Testament wirklich ist, das verstehen wir erst auf diesem Hintergrund der verbindlichen, rechtlich-wirtschaftlichen Teilhabe oder dem entsprechenden Anteilgeben an etwas. In 2. Petr. 1,4 heißt es nun zum Beispiel über Gott:  

… durch welche er uns die überaus großen und kostbaren Verheißungen gegeben hat, damit ihr durch dieselben göttlicher Natur teilhaftig (Koinonos, „Teilhaber“) werdet, ... 

Gottes Plan ist es also, dass wir rechtlich-verbindliche Teilhaber seiner göttlichen Natur werden! Ebenso bedeutet auch 1. Kor. 1,9 weit mehr, als man beim oberflächlichen Lesen im Deutschen wahrnimmt: 

Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft (Koinonia, Teilhabe) mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn. 

Wir sind also nicht „nur“ zu Freundschaft mit Jesus eingeladen – oder zu einer Gebets- oder Anbetungszeit, um ihm zu begegnen. Wir sind dazu berufen, verbindliche Teilhaber an Jesu gesamtem Leben zu sein, zu der u.a. auch seine göttliche Salbung und Autorität gehören. 

So bekommen auch die Worte über das Abendmahl in 1. Kor. 10,16 eine tiefere Bedeutung: 

Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht [die] Gemeinschaft (Koinonia, Teilhabe) des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht [die] Gemeinschaft (Koinonia, Teilhabe) des Leibes des Christus? 

Im 1. Johannesbrief wird diese Art von Gemeinschafts-Teilhabe an Gott selbst und seinem Leben verbunden mit der Koinonia untereinander (1. Joh. 1,3): 

… was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft (Koinonia, Teilhabe) mit uns habt; und unsere Gemeinschaft (Koinonia, Teilhabe) ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. 

Hier wird grundlegend definiert, dass die Koinonia der Gemeinde nicht einfach auf menschlichen Freundschaften beruht und auch nicht nur eine horizontale Ebene hat. Die Koinonia untereinander ist nämlich gleichzeitig auch die Koinonia „mit dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus“. Nur derjenige, der auch Koinonia mit dem Vater und seinem Sohn Jesus hat, kann auch wirklich Teil der Koinonia der Gemeinde sein. 

In den folgenden Versen zeigt sich, welche direkten Auswirkungen diese Teilhabe für die Art der „Gemeinschaft“ mit Gott und in der Gemeinde haben (1. Joh. 1,6-7): 

6 Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft (Koinonia, Teilhabe) mit ihm haben, und doch in der Finsternis wandeln, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit; 7 wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft (Koinonia, Teilhabe) miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde. 

 Im Deutschen gibt es das Sprichwort: „Beim Geld hört die Freundschaft auf!“. Im Gegensatz dazu endet diese „Gemeinschaft“ der Gemeinde gerade eben nicht beim Geldbeutel. So meint die Wortfamilie „Koinonia“ im Neuen Testament auch ausdrücklich das finanzielle Teilen dessen, was man hat: 

Röm. 12,13 

Nehmt Anteil (Verb: κοινωνέω – koinoneo, „Anteil geben, teilen mit“) an den Nöten der Heiligen, übt willig Gastfreundschaft! 

Röm. 15,26 

Es hat nämlich Mazedonien und Achaja gefallen, eine Sammlung (Koinonia, Teilhabe) für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem zu veranstalten;  

Hebr. 13,16 

Wohlzutun und mitzuteilen (Koinonia, Teilhabe) vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott wohl! 

Gal. 6,6 

Wer im Wort unterrichtet wird, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil (κοινωνέω – koinoneo, „Anteil geben, teilen mit“) an allen Gütern! 

Es ist sehr interessant, dass man „Gemeinschaft“ tatsächlich auch ganz praktisch in Finanzen haben kann – im Anteilnehmen an Nöten und daher Anteil geben von dem, was man hat. Damit nähern wir uns der Bedeutung, die das Wort „Koinonia“ in Apg. 2,42 hat: 

„Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft (Koinonia, Teilhabe) und im Brotbrechen und in den Gebeten.“ (Apg. 2,42) 

„Koinonia“ meint also ein umfassend verbindlich-rechtlich-wirtschaftliches Anteilgeben am eigenen Leben und Anteilhaben am Leben anderer in der Gemeinde. Der Gegensatz zum Adjektiv κοινός (koinos: „gemeinsam, gemeinschaftlich, allen zugehörig“) lautet im Griechischen ἴδιος (idios: „eigen, privat, einer einzelnen Person zugehörig“). Wenn ich Jesus nachfolge und Anteil an seinem ganzen Leben und seiner göttlichen Natur als Teilhaber habe, dann ist in der Konsequenz auch mein Leben nicht mehr „meins“. Es gehört Gott und in der Gemeinschaft der Gemeinde ist es auch irgendwie allen anderen verbindlich zugehörig: Wir teilen also wirklich unser Leben miteinander.  

Daher ist auch klar, dass es nur funktionieren kann, wenn wir „am Licht“ voreinander leben – wie es in 1. Joh. 1,7 heißt (s.o.). Diese Art von Gemeinschaft können wir nur miteinander haben, wenn wir uns tatsächlich gegenseitig Anteil an unserem Leben geben – und somit auch transparent, offen und ehrlich voreinander leben und Siege und Niederlagen, Kämpfe und Wunder miteinander teilen.   

Interessant ist, dass es auch jüdisch-rabbinische Vorstellungen gab, die sehr ähnlich zu Apg. 2,42 sind: Entsprechend dem Griechischen κοινωνός (Koinonos - „Genosse, Teilhaber“) ist das Hebräische חָבֵר (chaver, „Gefährte, Genosse, Mit-Lerner“) und das aramäische חַבְרוּתָא (chavruta) – die paarweise Lerngemeinschaft über der Thora. Daraus ergibt sich eine verbindliche rabbinische Tisch- und Lebensgemeinschaft mit Menschen, die gemeinsam Thora studieren und ihr Leben danach ausrichten: Die Chavura.  

Die Urgemeinde war durch und durch jüdisch geprägt. Es war kein Zufall, sondern Gottes Plan, dass er seine Gemeinde zunächst ausschließlich mit jüdischen Menschen begann – und so das Vorbild für die Gemeinde Jesu aller Zeiten prägte. Das Vorbild verbindlicher rabbinischer Tisch- und Lebensgemeinschaft von Menschen, die gemeinsam das Wort Gottes studieren und miteinander danach leben, war ihnen allen vertraut. Auch Jesus hatte es mit seinen Jüngern bereits drei Jahre lang genauso gelebt. Apg. 2,42 formuliert es nun als ekklesiologischen Entwurf für die Gemeinde Jesu aller Zeiten: 

„Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel 

und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten.“ (Apg. 2,42) 

Die Urgemeinde blieb aktiv und beständig in dieser Art verbindlicher Koinonia mit „dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus“ – und miteinander. Tun wir es auch? 

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