Wer oder was ist Israel?

von Carmen Shamsianpur

Wir segnen Israel, weil die Bibel es uns aufträgt. Wir lehnen die Ersatztheologie ab – die Vorstellung, Gott habe sein Volk verworfen und seine Verheißungen auf die Kirche übertragen. Darin sind sich viele Israelfreunde einig. Und doch herrscht erstaunlich wenig Einigkeit darüber, was dieses „Israel“ eigentlich ist. Ist es ein Volk? Wer gehört alles dazu? Ein Land? Ein geistliches Prinzip? Oder ein Staat? 

Israel hat sich in der Geschichte immer wieder in unterschiedlichen Formen gezeigt. Jede dieser Formen wurde und wird infrage gestellt. 

Als Israel keinen Staat hatte, wurde genau das zum Argument: Die Zerstreuung unter die Völker galt als Beweis dafür, dass Gott dieses Volk verworfen habe. Seit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. und der Zerstörung des Zweiten Tempels prägte diese Sicht große Teile der christlichen Theologie. Kirchenväter wie Augustinus von Hippo deuteten die Diaspora als göttliches Gericht mit bleibendem Charakter. 

Die vorherrschende christliche Lehre war seither, dass Israel keine eigene heilsgeschichtlich relevante Zukunft mehr habe. Diese Lehre wurde durch den Zionismus seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend erschüttert. Das jüdische Volk kehrte real und sichtbar ins Land zurück. Theologischer Widerstand war vorprogrammiert. 

Über Jahrhunderte vollzog und vollzieht sich die Rückkehr der Juden ins Land Israel. Unter anderem durch die Balfour Erklärung wurde dieser Prozess politisch vorbereitet. Er fand seinen Höhepunkt 1948 in der Gründung des Staates Israel. Da plötzlich änderte sich das Argument. 

Nicht mehr das Fehlen eines Staates wurde zum Problem – sondern seine Existenz. Nun heißt es: Dieser Staat sei zu säkular, zu politisch, zu moralisch fragwürdig, um etwas mit Gottes Verheißungen zu tun zu haben. Offenbar liegt das Problem nicht in der jeweiligen Gestalt Israels, sondern darin, dass es überhaupt existiert. 

Dabei war Israel nie das moralisch perfekte Gegenüber Gottes. Nicht als Einzelperson – Jakob war ein Betrüger. Nicht als Volk – es war widerspenstig. Nicht als Staat – die Könige Israels und Judas lieferten eine Geschichte, die von Götzendienst, Machtmissbrauch und moralischem Versagen geprägt war. Und doch blieb Gottes Erwählung durch all diese Zeiten hindurch unverändert. Moralische Reinheit war nie die Voraussetzung dafür. 

Heute zeigt sich Israel in einer Form, die historisch naheliegend ist: als Nationalstaat. In einer Welt, die politisch in Staaten organisiert ist, kann ein Volk kaum anders dauerhaft existieren. Wer akzeptiert, dass Gott sein Volk sammelt, muss sich fragen lassen, warum genau diese Form als Staat plötzlich nicht dazugehören soll. 

Stellen wir uns vor, wir beamen einen Juden oder Christen aus dem 7., 12. oder 17. Jahrhundert mitten in das heutige Israel. Er sieht Millionen Juden aus allen Ländern der Erde versammelt, die Hebräisch als ihre Muttersprache sprechen und die Wüste begrünt haben. Wie sollte man ihm erklären, dass das keine Erfüllung von Verheißungen ist? 

Interessanterweise verschiebt sich die Kritik nicht nur entlang politischer Linien, sondern auch entlang religiöser. Juden galten der Theologie als verworfen, weil sie Jesus nicht als Messias anerkannten. Gleichzeitig sind messianische Juden – also solche, die genau das tun – Teilen der Christenheit heute auf merkwürdige Weise ein Dorn im Auge. Ihre Existenz stört gewohnte Kategorien und den interreligiösen Dialog. 

Daneben hat sich ein ganz neues Argument gegen Israel eingeschlichen: Die Juden in Israel seien gar keine Juden! Auch in christlichen Kreisen gibt es die krudesten Theorien, die letztlich dem Ziel dienen, den Staat zu delegitimieren. Vor den rassistischenMaßstäben, die solche Theorien an „Jude-Sein“ anlegen, könnten nicht einmal König David und Jesus bestehen.  

Israel ist nicht nur ein theologisches Konzept. Es ist eine konkrete, sichtbare Realität: ein Volk, eine Geschichte, ein Land und auch ein Staat. Die Bibel nennt Jerusalem einen „Taumelbecher“ und „Laststein“ für die Völker. Das Gute an der aktuellen Situation ist, dass wir uns entscheiden müssen. So wie es keine Grauzonen „für“ oder „gegen“ Jesus gibt (Lukas 11,23), verschwinden auch die Grauzonen beim Thema Israel. Wer Israel – in allen seinen Erscheinungsformen – segnet, wird gesegnet sein. 

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