von Carmen Shamsianpur
Sukkot in Tübingen ist jedes Jahr eine ganz besondere Zeit, in der Juden und Christen von Herzen zusammenkommen. Sogar das israelische Fernsehen berichtete darüber. Erfahre, wie deine Laubhütte ein sichtbares Zeichen der Versöhnung sein kann!
Das Laubhüttenfest im Herbst ist mit Abstand das sichtbarste der von Gott festgesetzten Feste. Während fast alle anderen biblischen Feste vor allem in Häusern oder Synagogen gefeiert werden, sollen die Laubhütten ausdrücklich eine Woche lang draußen stehen. Auch ein Großteil des sozialen und familiären Lebens wird in dieser Zeit nach draußen verlagert. Außer Sukkot enthält nur noch das Lichterfest Chanukka eine talmudische Anweisung zur Sichtbarkeit: Ein traditioneller neunarmiger Leuchter soll von außen sichtbar ins Fenster gestellt werden.
Leben mit Gott in der Wüste
Sukkot ist das letzte der jüdischen Herbstfeste und auch das letzte der großen Wallfahrtfeste Pessach, Schawuot und Sukkot. Es erinnert an das Leben in provisorischen Behausungen während der Wüstenwanderung nach Israels Auszug aus Ägypten. Gott zog als Wolken- und Feuersäule vor seinem Volk her und nahm schließlich in der Stiftshütte mitten unter ihnen Wohnung.
Gott war in dieser Zeit auf besondere Weise Anführer, Versorger und Beschützer seines Volkes. Sukkot ist ein Fest der Gemeinschaft mit Gott. Im Zusammenhang mit den anderen Herbstfesten Rosch HaSchana und Jom Kippur haben wir es in einem Acts 2:42-Webinar behandelt.
Sukkot unter Gefahren
Gerade wegen seiner Sichtbarkeit war es für Juden in der Geschichte nicht selten lebensgefährlich, das Laubhüttenfest zu feiern. Nach dem jüdischen Grundsatz „Pikuach Nefesch“ muss niemand unter Todesbedrohung eine Sukka bauen. Dennoch fanden Juden auch unter furchtbarsten Bedingungen immer wieder Wege, das Laubhüttenfest zu begehen.
Im Jahr 1603 stand eine Sukka in einem Gefängnishof der Inquisition in Mexiko-Stadt. Der Gefängniswärter, dem erzählt wurde, es handle sich um eine Hochzeit, feierte das streng verbotene Fest sogar mit. Der Initiator, Sebastian Rodriguez, saß mit seiner Familie eine lebenslange Freiheitsstrafe ab, weil sie „das tote Gesetz des Mose“ befolgt hatten. Ihr gesamter Besitz war beschlagnahmt worden.
Im Warschauer Ghetto baute eine Familie eine winzige Sukka auf einem Balkon auf Höhe des Geländers, so dass man gerade so darin sitzen konnte. Die Juden des Ghettos standen stundenlang Schlange, um wenigstens für einen kurzen Moment das Fest zu begehen.
Auch heute müssen Juden in Europa Angst haben, ihre Feste öffentlich zu feiern. Laubhütten im öffentlichen Raum gibt es nur sehr wenige. Die meisten stehen gut geschützt in Innenhöfen von Synagogen oder Museen.
Begegnungen auf dem Tübingern Marktplatz
In der TOS Gemeinde Tübingen feiern wir seit vielen Jahren Sukkot. Eine große Laubhütte aus Bauzäunen, Bambusmatten und belaubtem Geäst steht über mehrere Tage auf dem Marktplatz. Mit dabei sind große Tafeln, auf denen sich Passanten über das Fest informieren können. Rund um die Sukka gibt es größere und kleinere Veranstaltungen, zum Beispiel „Mini-Sukka-aus-Süßigkeiten-Bauen“ für Kinder. Die große Hauptfeier vor der Laubhütte mit Musik und Tanz wird auch von der jüdischen Gemeinde besucht und mitgestaltet.
Über ein virales Musikvideo wurde vor ein paar Jahren das israelische Fernsehen auf die öffentliche Sukkot-Feier aufmerksam und schickte ein Team nach Tübingen. Heraus kam 2024 die 15-minütige Dokumentation „Vom Hakenkreuz zum Davidstern“. Interessanterweise berichtete das Filmteam von Channel 11nicht nur über christliche Israelsolidarität, sondern legte den Fokus auf das Herzstück unserer Beziehung zum jüdischen Volk: Die Aufarbeitung der Familiengeschichten und Buße über jahrtausendealten Antisemitismus in uns.
Wie baut man eine Sukka?
Die Buße, die Jobst Bittner mit seinem Buch „Die Decke des Schweigens“ und der Marsch des Lebens Bewegung angestoßen hat, ist tatsächlich die Grundlage, auf der wir jüdische Feste feiern. Eine Sukka, in der wir Herzensgemeinschaft mit dem Gott Israels und seinem Volk haben, muss auf dem Fundament der Buße gebaut sein.
Die israelischen Reporter zeigen in ihrer Dokumentation Bilder von Hakenkreuzfahnen und Naziaufmärschen auf dem Marktplatz, wo heute jährlich eine Sukka steht. Sie interviewen junge Menschen, deren Vorfahren das jüdische Volk verachtet und gemordet haben. Diese Vergangenheit werden Juden nicht einfach ausblenden, nur weil wir als Christen gerade den Segen unserer jüdischen Wurzeln entdecken.
Deswegen müssen wir selbst die Geschichte des christlichen Antisemitismus und unserer Familien und Städte kennen, sie als Schuld vor Gott bringen und Buße tun. Unsere Sukka wird danach eine andere sein.
